Florian Havemann

Speedy – Skizzen

Roman

ca. 960 Seiten
Halbleineneinband
15,5 × 22,5 cm

Erscheint im August 2020


34,00 € (D) / 35,00 € (A)
ISBN 978-3-95890-328-9

Eine große Liebe in finsterer Zeit: Florian Havemanns berüchtigter Roman nach 12 Jahren im Verborgenen endlich veröffentlicht – ein Meisterwerk
 
Wegen »unnationalsozialistischer Lebensweise« sitzt der Maler Rudolf Schlechter 1938 in Berlin-Erkner in Untersuchungshaft. Der Grund ist sein als skandalös empfundenes Verhalten, das er zusammen mit seiner Frau »Speedy« an den Tag legt. Er nutzt diese Gelegenheit, um sein Leben mit »Speedy« aufzuschreiben. In 260 kurzen Kapiteln steuern all die Abenteuer und Betrachtungen auf eine »andere« Ästhetik des Widerstands zu – strikt individualistisch, sexuell. Schlechter, der Masochist, der Mann, der eine Frau sein möchte, misstraut den gängigen Widerstandsnarrativen. Das, was den erotischen Außenseiter antreibt, schenkt ihm gleichzeitig einen entwaffnend unverstellten Blick auf die Welt, rechts und links, oben und unten. Skandalös, bohrend und unterhaltend beschreibt und seziert er die anderen – und sich selbst immer mit. Weil »Speedy« mit anderen Männern schlief, wurde Schlechter eingesperrt. Weil sie am Ende gezielt mit den richtigen schläft, kommt er schließlich wieder frei.
 
In der disruptiven Platzierung des Genderthemas mitten in die ästhetischen und politischen Auseinandersetzungen der Zeit trifft dieser große Roman über das Berlin der wilden Zwanziger Jahre, die sich in die Dreißiger hinein fortsetzten, einen Nerv unserer Gegenwart. Florian Havemanns Schlechter ist inspiriert von der Figur des Malers Rudolf Schlichter (1890–1955), der in Berlins linken wie rechten Zirkeln mit Ernst Jünger, Bertolt Brecht und vielen anderen verkehrte. Berühmt wurde er durch die erotischen Zeichnungen und Gemälde, für die ihm »Speedy«, seine Schweizer Ehefrau, Modell stand.
 
• Ein Buch über grenzüberschreitende Sexualität im Dritten Reich und einer der größten Liebesromane aller Zeiten
 
»Speedy ist die interessanteste Frauenfigur, die mir seit langer Zeit in einem deutschsprachigen Werk begegnet ist … wäre dies ein französisches oder amerikanisches Buch, hätte es längst preisberegnet seinen Weg in unsere Regale angetreten …«
Clemens J. Setz, FAZ
 
Florian Havemann über die Entstehungsgeschichte seines großen Romans »Speedy«
 
Ich komme vom Theater her, ich habe Theaterstücke geschrieben, ich wollte doch niemals einen Roman schreiben, doch dann bin ich auf diesen Stoff gestoßen, in einem Katalog für eine Ausstellung von Bildern des Malers Rudolf Schlichter. Einen Künstlerroman zu schreiben, das ist ja wohl das Letzte, was man tun sollte, aber diese Geschichte, die war doch zu gut, die, die aus einer kurzen Notiz im Lebenslauf von diesem Schlichter herauszulesen war. Also habe ich einen Roman geschrieben, einen Künstlerroman.
 
Ich habe sofort losgeschrieben, in den ersten drei Tagen vielleicht an die hundert Seiten – ich weiß es nicht so genau, denn am dritten Tag, ich weiß auch das nicht so genau, welchen Fehler ich gemacht habe, der meine intelligente Schreibmaschine, die sich alles so gut merken kann, zusammenbrechen ließ, war mein Speedy-Anfang perdu und verschwunden, auf der Festplatte meines Rechners gelöscht, der nicht damit rechnen konnte, es mit einem solchen Idioten zu tun zu haben, der nicht sichert, sichert, sichert. Großes Aufatmen bei mir nach dem ersten Schock: Ich bin´s los, ein Wink des Schicksals. Du sollst keine Romane schreiben, bleib bei deinen Theaterstücken. Ein Jahr später, und nachdem mir das Schicksal dann auch noch bedeutet hatte, es wird nichts aus dir und dem Theater, saß ich wieder an meiner Speedy, ich konnte nicht anders, ich war´s doch nicht los, ich fing noch einmal von vorne an, aber nun auf Nummer sicher.
 
Wie lange ist das her? Lange, länger als eine ganze Nazi-Zeit. Ich habe 12 Jahre als Autor im inneren Exil verbracht, ohne die Aussicht, ein Buch veröffentlichen zu können – oh, dies sind aber doch etwas geschmacklose Gedankenverbindungen. Aber so verbinden sich nun mal Gedanken, und es sind doch Gedanken, die mich mit dem Helden meines Buches verbinden, mit meinem Un-Held, dem Maler Rudolf Schlichter. Alles ein bisschen übertrieben natürlich, und ich will den guten Mann nicht besser und schon gar nicht schlichter im Gemüt machen, als er es gewesen ist – ich habe ihn also in meinem Roman in »Schlechter« umbenannt. Rudolf Schlichter, ein Maler der zweiten, dritten Reihe, wird gemeinhin der Neuen Sachlichkeit zugerechnet, er gilt als Adept von George Grosz, mit dem er befreundet war, den aber auch er zeitweise beeinflusst hat. Und er hat, wie Grosz, als Dadaist angefangen, ganz links, auf der kommunistischen Seite des politischen Spektrums. Auf seinen Bildern ging´s aber so politisch meist nicht zu, sie waren mit Nutten, Lesben, Flagellanten, liederlichen Trios bevölkert, mit erhängten Frauen, Ermordeten, mit der Halbwelt der Unzucht, der Unterwelt des Verbrechens. Schlichter war auch mit Brecht befreundet, mit Johnny Heartfield, dem Erfinder der Photomontage, und dessen Bruder Wieland Herzfelde, dem Gründer und Leiter des Malik-Verlages, hat sich aber dann katholisch von Gott versuchen lassen, der sich ihm jedoch nicht offenbarte. Er ist politisch im Laufe der 20er-Jahre immer mehr nach rechts gewandert, er war dann mit Ernst Jünger befreundet, mit Ernst von Salomon, der als junger Mann am Attentat auf Rathenau beteiligt gewesen war. Er gehörte zu der sich als Elite verstehenden Rechten, denen die Nazis eigentlich zu primitiv waren. Aber er hat sich diesen Nazis dann nach deren Machtergreifung in seiner Kunst anzudienen versucht, thematisch, ästhetisch, den primitiven Nazis, die ihn aber nicht haben wollten, ihn bei ihren Kunstausstellungen ausjuriert haben. Sie haben´s wohl immer geahnt, auch wenn´s nationalsozialistisch bei Schlichter auf den Bildern ausschauen mag, eigentlich geht´s bei ihm untergründig immer pervers zu. Die Nazis haben ihn dann mit seinen alten Bildern mit in ihre Hetzausstellung Entartete Kunst gehängt – es sollte ihm später nicht zum Schaden gereichen, dann, als der ganze Spuk vorbei war.
 
Speedy – der Name einer Frau, ihr Spitzname, und Speedy wohl deshalb, weil es mit ihr so schnell ging, so speedy, so geschwind ins Bett. Ein Groupie, ein Flapper-Girl der 20er-Jahre, ein leichtes Mädchen, leicht zu bekommen, wahrlich kein Kind von Traurigkeit, und es dürfe nur ein bisschen übertrieben sein, nehme ich an, dass sie mit allem, was als Mann in der Kulturschickeria Berlins damals Rang und Namen hatte, im Bett gewesen sein wird. Speedy, eine Schweizer Staatsbürgerin, aufgewachsen in behüteten Verhältnissen, als Tochter wohlhabender Eltern in Genf, aber Genf ist ihr dann doch als junge Frau zu langweilig. Es zieht sie nach Berlin, die aufregende Metropole, das Sündenbabel lockt. Speedy stürzt sich ins Berliner Nachtleben, Speedy spielt ein paar unbedeutende Nebenrollen in ein paar unbedeutenden Stummfilmen, auf Männerfang auch bei der UFA in Babelsberg. Und Speedy lernt den Maler Schlichter kennen, zu dieser Zeit ein recht erfolgreicher Künstler, eine bekannte Figur der Berliner Kunstwelt. Und Speedy heiratet Schlichter, sie heiratet ihn unter einer Bedingung: dass sie ihr Lotterleben fortsetzen kann, ja, mehr noch: Sie wird niemals mit ihm schlafen, immer nur mit anderen. Und Schlichter lässt sich darauf ein – eine Liebesgeschichte, eine große Liebesgeschichte sogar, denn diese Ehe, sie hält auch, als Schlichter dann keine Bilder mehr verkaufen kann, von den Nazis geächtet wird, in die innere Emigration ausweichen muss. Nur kann seine untreue und ihm doch so treue Frau dann nicht mehr einfach nach Lust und Laune mit den Männern schlafen, Speedy braucht Liebhaber, mit denen sie Affären haben kann, die auch finanziell etwas einbringen, sie muss Männer finden, die auch bereit sind, ihren Mann, den Maler, mit durchzufüttern. Und es gelingt ihr. Im Jahre 1939 wird Schlichter aufgrund einer Denunziation aus der Nachbarschaft inhaftiert. Der Vorwurf gegen ihn ist der der unnationalsozialistischen Lebensweise – der was? Auch Schlichter wird sehr erstaunt gewesen sein, dass es im nationalsozialistischen Staat verboten ist, unnationalsozialistisch zu leben. Aber was genau wird ihm vorgeworfen? Er hat´s hingenommen, geduldet, dass sich seine Ehegattin von anderen Männern begatten lässt, er ist nicht dagegen eingeschritten, er hat seine unanständige Frau nicht, wie´s sich für einen anständigen Deutschen gehört, übers Knie gelegt, wenn sie von einer Liebesnacht mit einem anderen zu ihm ins Ehebett gekrochen kam. Er hat sich von dieser Schlampe nicht scheiden lassen. Aber dann, er sitzt in der Untersuchungshaft, gelingt es dieser Speedy, dass sie ein Skizzenbuch für ihn bei seinem Vernehmer, dem Kriminalbeamten, der seinen Fall untersucht, abgeben darf – ihr Mann ist doch Maler, und wie ein Pianist müsse er sich jeden Tag in seiner Kunst üben können, zum Erhalt seines künstlerischen Vermögens. Doch er benutzt dann dieses Skizzenbuch nicht, um darin zu zeichnen, er beginnt damit, einen historischen Roman zu schreiben, der in der römischen Antike spielt, denn in dieser Epoche kennt er sich ganz gut aus. Aber Rom und dieser historische Roman, das ist nur eine Fassade, die er errichtet, dahinter verbirgt er, über das zu schreiben, was ihn eigentlich beschäftigt: seine eigene Geschichte, die seiner Ehe, natürlich Speedy, immer wieder Speedy, die wilden 20er-Jahre, die Repression nach 33, und wie sollen Menschen, die in einer solchen Zeit des Lasters, der erotischen Freizügigkeit und Dekadenz gelebt haben, da dann überleben.
 
Aber wie gelingt es Speedy überhaupt, einen deutschen Beamten und ordentlichen Familienvater dazu zu überreden, sich diesem Gesuch jenseits aller Gefängnisregeln nicht zu verschließen, ihr Mann brauche dieses Skizzenbuch in seiner Zelle? Es gelingt ihr mit den Mitteln einer Frau. Sie ist doch schließlich eine Speedy, und der Kriminaler ein Mann. Die Geschichte, die ich in meinem Roman erzähle, ist nun ganz schnell erzählt, in zwei Sätzen. Erster Satz: Ein Mann kommt ins Gefängnis, weil seine Frau mit andern Männern schläft. Zweiter Satz: Dieser Mann kommt dann wieder aus dem Gefängnis heraus, weil seine Frau mit ein paar anderen Männern schläft.
 
Mehr verrate ich nicht, ein Autor will doch gelesen werden.